12.9.2009: Wasser auf die Rieselfelder
Auf die Rieselfelder bei Stahnsdorf könnte bald wieder Wasser strömen. „Wir sehen das sehr positiv“, sagte Regina Gnirß gestern zur MAZ. Die Wissenschaftlerin ist Leiterin der Abteilung Forschung und Entwicklung der Berliner Wasserbetriebe. Diese betreiben seit 1931 das Klärwerk in Stahnsdorf. Von dort würde das Wasser auf die Felder fließen.
Das System der Berieselung von mehr als 2500 Hektar Wiesen rund um Stahnsdorf war vor 100 Jahren entwickelt worden, wurde aber bereits in den 1980er Jahren eingestellt. Seitdem fließt das geklärte Schmutzwasser in den Teltowkanal und von dort in die Havel.
„Wir sind durchaus daran interessiert, dass Wasser in der Landschaft bleibt und nicht in entfernte Regionen abtransportiert wird“, sagt auch die stellvertretende Leiterin der Berliner Abwasserentsorgung, Ulrike Franzke. Allerdings müsste bei der Reaktivierung der Rieselfelder der Schutz des Grundwassers gewährleistet sein.
Durch die langjährige Schmutzwasser-Berieselung sind die Flächen mit Schwermetallen belastet. Zwar würden sie durch die „Wiedervernässung“ der Wiesen nicht aus dem Boden gespült, die genauen Folgen sind allerdings noch nicht erforscht. Außerdem ist geklärtes Wasser nicht absolut rein. Phosphatverbindungen bleiben erhalten, dürfen aber nicht ins Grundwasser kommen. „Die Bestimmungen sind sehr streng, deshalb gibt es für das Stahnsdorfer Gebiet bislang keine Genehmigung von der Unteren Wasserbehörde“, so Franzke.
Unter der Federführung von Abteilungsleiterin Gnirß finden aber seit einigen Jahren Pilot-Projekte auf ehemaligen Rieselfeldern in Hobrechtsfelde, Karolinenhöhe und Waßmannsdorf statt. Dort werden rund sechs Prozent des geklärten Wassers in die Natur geleitet. „Der Versuch wird von uns wissenschaftlich begleitet. Die bisherigen Erfahrungen sind sehr gut“, so Gnirß.
Für landwirtschaftlich genutzte Flächen seien reaktivierte Rieselfelder keine Konkurrenz, versichert die Expertin. Sie eignen sich vielmehr für den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen wie Hanf, Flachs oder Stärkekartoffeln.
Eine weitere Variante sind die „Energiewälder“. Schnell wachsende Bäume wie zum Beispiel Pappeln, die später zu Heizmaterial verbietest werden, gedeihen bestens auf reaktivierten Rieselfeldern. Der Vorteil: Diese sogenannten Kurzumtriebsplantagen nehmen das Wasser sofort auf und verhindern damit ein Absinken ins Grundwasser.
Für Gnirß hat die Wiedervernässung der Rieselfelder noch einen wichtigen Nebeneffekt. Wenn dort statt öder Sandböden wieder Pflanzen gedeihen, hätte dies einen positiven Effekt für die Kohlendioxid-Bilanz und würde damit dem Klimawandel entgegenwirken. „Außerdem entsteht wieder eine Landschaft, die auch für Erholungssuchende attraktiv ist.“
(Von Jürgen Stich), MAZ 12.9.09